Lieber Herr Privorozki, welche Rolle spielt das Thema Antisemitismus aus Ihrer Sicht im europäischen Wahlkampf?

Bei den Europa- und Kommunalwahlen in Sachsen-Anhalt am 26. Mai 2019 sind nur manche Migrant*innen wahlberechtigt, aber alle sind von den Wahlergebnissen betroffen. Auf Grund der aktuell zahlreichen Berichte über wachsenden Antisemitismus haben wir Herrn Max Privorozki drei Fragen zum Thema gestellt. Er ist nicht nur Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale), sondern auch Vorstandsmitglied des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, von denen einige Mitglied des LAMSA sind.

Ich erwarte in keiner Weise, dass das Erstarken des Antisemitismus in mehreren europäischen Ländern eine wichtige Rolle im Wahlkampf spielen wird. Ohne Zweifel werden die Kandidaten betonen, dass dieses Übel unerträglich sei und die Gesellschaft etwas unternehmen müsse. Ein Konzept für eine greifbare Lösung hat dagegen keine politische Kraft und wird daher auch nicht präsentiert werden. Die Rechten werden den Antisemitismus bei den Linken und die Linken bei den Rechten anprangern. Niemand wird jedoch auf die Idee kommen, dieses Problem in den eigenen Reihen anzupacken. Dabei entwickelt sich der Antisemitismus derzeit in allen Schichten und in allen gesellschaftlichen Strukturen weiter.

Wie nehmen Sie antisemitische Anfeindungen und Straftaten in Sachsen-Anhalt wahr?

Man kann sagen, dass die Qualität anders geworden ist: Sich offen als Antisemit zu zeigen, ist nicht mehr peinlich. Zunächst ist es aber wichtig zu betonen, dass die Wahrnehmung antisemitischer Anfeindungen gegenüber Juden in unserem Bundesland nicht getrennt von der gesamten Situation betrachtet werden kann. Die Medien und das Internet kennen weder Landes- noch andere Grenzen. Demzufolge reagieren wir auf bestimmte Ereignisse genauso wie Juden aus Berlin, Bayern, Hessen oder Spanien, Ungarn oder der Ukraine.

Israel wird, nicht nur in Deutschland, oft dämonisiert, verurteilt und mit doppelten Standards gemessen. Die Kritik des Staates Israel wird zum Alibi. Als beispielsweise Israel im Jahr 2018 von den Vereinten Nationen 21 Mal, alle anderen Staaten, einschließlich Iran, Syrien und Nordkorea, hingegen „nur“ 6 Mal verurteilt wurden, hatte die Bundesrepublik in 16 Fällen dieser 21 Verurteilungen gegen Israel gestimmt und ihre Stimme in den restlichen 5 Fällen enthalten.

Welche Hoffnungen und Befürchtungen verbinden Sie mit der Europawahl, möglichen Ergebnissen und Entwicklungen nach der Wahl?

Konkret wünschen wir uns ein durchdachtes Konzept zur Bekämpfung von antisemitischen Tendenzen, insbesondere auch bei Zugewanderten aus Ländern mit einer aggressiven antijüdischen Staatspolitik, wie Syrien oder Afghanistan.

Und grundsätzlich das Bewusstsein dafür, dass die jüdische Gemeinschaft ein Bestandteil der Gesamtgesellschaft ist, und demzufolge auch ein Bewusstsein, dass der Antisemitismus auf keinen Fall nur das Problem der jüdischen Gemeinschaft, sondern der Allgemeinheit ist und bleibt.

Wir hoffen in jedem Fall – und das hat nichts mit der Entwicklung antisemitischer Tendenzen zu tun – dass die Kräfte, die für ein starkes Europa als Vereinigung unabhängiger und souveräner Demokratiestaaten stehen, die solche Werte wie Toleranz, Freiheit und Gerechtigkeit nicht nur auf dem Papier schätzen, die Mehrheit im EU-Parlament stellen werden. Optimismus gehört zur Natur des jüdischen Volkes. Denn ohne Optimismus können alle Pogrome, und insbesondere die Schoa, nicht überstanden werden. Wir bleiben optimistisch und hoffen, dass kein weiteres Land nach Großbritannien die EU verlassen wird, sondern dass neue Länder, wie Serbien, Montenegro und die Ukraine, aufgenommen werden.

Vielen Dank für das Interview

 

 

Am 9. November 1918 wurde die Weimarer Republik, die erste parlamentarische Demokratie auf dem deutschen Boden ausgerufen. Aus dem Deutschen Reich wurde de facto eine föderative Republik mit Reichspräsidenten und Reichkanzlern. Diese Republik existierte jedoch nicht sehr lange: Schon im September 1930 erhielt, z.B. in heutiger Landeshauptstadt Magdeburg, die NSDAP fast 20 %, im Juli 1932 44 % und im März 1933 47 % der Stimmen bei den Reichstagswahlen. Damit war diese erste parlamentarische deutsche Demokratie bereits nach 15 Jahren zu Ende.

Im März 1933 begann das, was ein gegenwärtiger Fraktionsvorsitzende einer Partei im Bundestag als „Vogelschiss der deutschen Geschichte“ bezeichnete. Genau 20 Jahren nach der Geburt der Weimarer Republik entwickelte sich dieser „Vogelschiss“ zu einem der schlimmsten jüdischen Pogrome in der deutschen Geschichte. Dieser Pogrom hat den Weg zur Massenvernichtung von Juden in Europa eröffnet – zum Holocaust.

Möglicherweise kann jemand diese Ereignisse, gemessen am Zeitraum, als „Vogelschiss der Geschichte“ im Vergleich zur allgemeinen deutschen Geschichte sehen. Für uns Juden war dieser „Vogelschiss“ jedoch zu brutal und bedeutete zu viel. Jede jüdische Familie, nicht nur in Deutschland, beklagte Opfer dieses Massenmordes. Deswegen möchten wir heute – am 100. Jahrestag der Weimarer Republik und am 80. Jahrestag des Novemberpogroms – denjenigen, die das letztere Ereignis verharmlosen, sagen: Einen Vogelschiss kann man bereinigen und die Oberfläche wieder sauber machen. Den Holocaust zu bereinigen ist nicht möglich. Wer es jedoch versucht, gefährdet die gegenwärtige deutsche Demokratie und erhöht die Gefahr, dass ihr dasselbe Schicksal widerfährt, wie damals der Weimarer Republik. Das dürfen die demokratischen Kräfte, egal ob vom rechten oder linken politischen Spektrum, nicht zulassen!

Und wir glauben an die Widerstandsfähigkeit der gegenwärtigen Gesellschaft: Sie wird es nicht zulassen! Diese Widerstandsfähigkeit sollte sich nicht nur bei der Exekutive, der Legislative und der Judikative entfalten. Diese Widerstandsfähigkeit ist wesentlich wichtiger in der Gesellschaft insgesamt: so zu sagen vor Ort, in den Städten und Kommunen, in den Kulturstätten, in den Stadien, in den Schulen und in den Universitäten. Einfach überall dort, wo sie in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht präsent war. Auch in den Museen, wie hier in Gröbzig.Wir sind sehr froh, dass sich die Zusammenarbeit zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der neuen Museumsleitung auf einem guten Weg befindet – ganz im Sinne des Staatsvertrages zwischen dem Land und der jüdischen Gemeinschaft Sachsen-Anhalts!

 

Unter dem Titel „Umdefinition des Antisemitismus?“ bewirbt der Deutsche Freidenker-Verband e.V. eine von Frau Groth angestoßene „Diskussion“ in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts. Gleich in ihrer Einleitung beklagt die Referentin die Beschlüsse in einigen Bundesländern und Städten, der antisemitischen BDS-Bewegung keinen Platz zu geben.

Die Position von Annette Groth bezüglich des Staates Israel ist nicht neu: Sei es die „Free Gaza“-Bewegung oder die „Toilettenaffäre“ im Bundestag, die ehemalige Bundestagsabgeordnete der LINKEN ist immer dabei. Die von ihr verbreiteten Thesen zeigen erneut, dass die Verschwörungstheoretiker auf beiden Seiten des politischen Spektrums in Bezug auf den Israelhass ganz nah zueinander stehen. Die Unterstützung von antidemokratischen, autoritären Regierungen, wildem Antiamerikanismus sowie diversen realitätsverfälschenden „Märchen“ vereinen diese Gruppen, die sich aufgrund ihrer Ansichten eigentlich gegenüber stehen sollten.

Das Hauptproblem ist nicht der Antisemitismus selbst, sondern die Reaktion, oder besser gesagt Gegenreaktion, der Öffentlichkeit, der betroffenen Religionsgemeinschaft, der betroffenen Partei oder der betroffenen Gremien auf antisemitische Erscheinungen in den eigenen Reihen. Diese Reaktion, sofern es sie überhaupt gibt, ist in den meisten Fällen unzureichend.

Die zum Auftritt von Annette Groth verfasste Erklärung der Landtagsfraktion DIE LINKE zeigt beispielhaft, wie die Reaktion auf solche Erscheinungen in der eigenen Partei sein sollte. Der Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt begrüßt die eindeutige Distanzierung der Partei DIE LINKE in unserem Bundesland von der „Umdefinition des Antisemitismus“ à la Frau Groth.

Egal, ob Frau Groth den Begriff „Antisemitismus“ umdefiniert oder nicht, er bleibt bis dato an ihren Handlungen haften.

 

Wann? – 8. bis 21. Oktober 2018
Wo? – Foyer des Juridicum, Universitätsplatz 5, 06108 Halle (Saale)

1948. Die Ausstellung

Warum die Ausstellung 1948?

Wie kein anderer Staat sieht Israel sich mit einem Informationskrieg konfrontiert und mit Vorwürfen, die in den allermeisten Fällen nicht der Wahrheit entsprechen, sondern plumpe Propaganda sind.

Aber Propaganda muss nichts beweisen. Propaganda will stören und zerstören. Die antiisraelische Propaganda wird befeuert von einem teilweise fundamentalistischen, generell antidemokratischen und antiwestlichen Geist. Im Kern geht es um die Verbreitung von historischen Verzerrungen im Zusammenhang mit der Staatsgründung Israels.

Kann man so hinnehmen wie vieles andere auch. Muss man aber nicht. 2018 feiert Israel seinen 70. Unabhängigkeitstag. Anlass genug, die geschichtliche Wahrheit zurückzuholen. Mit einer fundierten, bundesweit geplanten Ausstellung unter dem Titel „1948. Die Ausstellung“.​

Sie zeigt mit historischer Gründlichkeit, was im Mainstream untergeht: wie Israel wirklich entstand. Und entlarvt eine der absurdesten Propaganda-Kampagnen der Neuzeit.

Die Ausstellung zeigt:

  • Wie vor 100 Jahren aus Sumpf und Wüste fruchtbares Land wurde,
  • welche fanatischen Gegner zu Hass und Zerstörung aufriefen,
  • warum der Zionismus entstand,
  • wie der junge Staat Israel sich gegen den Angriff der arabischen Staaten wehrte,
  • wie die Zeit der Staatsgründung bis heute nachwirkt,
  • und noch mehr.

​​Die Ausstellung wurde am 8. Oktober 2018 eröffnet.Die Begleitveranstaltung findet am 16. Oktober 2018 um 19 Uhr im Melanchthonianum, Universitätsplatz 8/9, 06108 Halle (Saale) statt: mit Karl Pfeifer, der als 19-Jähriger für die Elite-Einheit „Palmach“ im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte, und Alex Feuerherdt, Beiratsmitglied der Ausstellung „1948“, Journalist und Autor von Vereinte Nationen gegen Israel.