Während der Jahresausstellungen 2024 und 2025 der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle (Saale) kam es zu einzelnen Vorfällen, die von uns als eindeutig antisemitisch eingestuft wurden. Diese Vorfälle lösten eine breite öffentliche Debatte in den Medien aus, unter anderem in der ZEIT, im Deutschlandfunk Kultur sowie in der Jüdischen Allgemeinen.
Auf Initiative der Jüdischen Gemeinde Halle wurde daraufhin ein Dialog zwischen der Gemeinde und der Kunsthochschule initiiert. In diesem Rahmen organisierten der Studierendenrat und die Gemeindeleitung zwei Begegnungen für Studierende in der halleschen Synagoge. Beide Treffen verliefen in einer freundschaftlichen Atmosphäre und waren inhaltlich sehr ertragreich. Ein drittes Treffen in den Räumlichkeiten der Kunsthochschule war für die zweite Maihälfte geplant.
Am 30. April starteten Unbekannte jedoch einen anonymen Aufruf innerhalb der Kunsthochschule. Ein Foto dieses Aushangs am Schwarzen Brett in der Mensa ist dieser Stellungnahme beigefügt. Auch heute, am 4. Mai 2026, ist dieser Aufruf in der Hochschule weiterhin präsent.

Der Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt und die Jüdische Gemeinde Halle reagieren auf dieses anonyme Schreiben wie folgt:
Offener Brief
Als Antwort auf den anonymen Aushang in der Mensa sowie an anderen Stellen der Burg Giebichenstein
An diejenigen, die einen anonymen Zettel ohne Namen hinterlassen haben:
Wir antworten Ihnen offen – mutig, demokratisch und verantwortungsbewusst. Im Gegensatz zu Ihnen stehen wir mit unseren Namen für unsere Worte ein.
Sie wollten mit Ihrem „Mut“ beeindrucken, haben dabei jedoch lediglich die Grenzen Ihres Wissens aufgezeigt. Ihr Aushang ist ein Paradebeispiel für Propaganda – und nicht einmal für hochwertige: Anschuldigungen ohne Belege, hohle Parolen und laute Worte, denen jeder Fakt fehlt.
Zu Ihren Vorwürfen im Einzelnen:
- Der Vorwurf des Rassismus: Sie bezeichnen die Jüdische Gemeinde als „rassistische und zionistische Organisation“. Eine jüdische Gemeinde soll eine „rassistische Struktur“ sein? In Deutschland? Im Jahr 2026? Ist das Ihr Ernst? Nach der Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten – darunter unsere eigenen Verwandten – merken Sie offenbar nicht, wie absurd und geschichtsvergessen Ihre Worte sind.
- Die Methode der Lüge: Sie werfen uns vor, „Falschinformationen und israelische Propaganda“ zu verbreiten. Nennen wir es beim Namen: Das ist eine Lüge. Die Lüge war das Fundament, auf dem die Propaganda eines Joseph Goebbels basierte. Ob es Ihnen gefällt oder nicht: Ihre Rhetorik weist erschreckende Parallelen dazu auf.
- Die Täter-Opfer-Umkehr: Sie behaupten, die Zusammenarbeit mit uns sei eine Taktik, die „Narrative zerstöre“ und einen „Völkermord ermögliche“. Beschuldigen Sie hier ernsthaft Jüdinnen und Juden der Mittäterschaft an einem Genozid? Das ist nichts anderes als klassischer Antisemitismus im modernen Gewand.
- Die Einteilung in „gute“ und „schlechte“ Juden: Sie schreiben, Juden seien keine „homogene Gruppe“, nur um im nächsten Satz zu fordern, ausschließlich mit „antizionistischen Gruppen“ zusammenzuarbeiten. Sie unterteilen also in „akzeptable“ und „nicht akzeptable“ Juden. Wer gibt Ihnen das Recht, darüber zu entscheiden, wer für uns sprechen darf?
- Die Angst vor dem Dialog: Sie fordern die „Ausladung der Jüdischen Gemeinde Halle“. Anders gesagt: Sie haben Angst vor einem offenen, faktenbasierten Gespräch ohne Beleidigungen und Verschwörungstheorien. Sie scheuen den Diskurs und bevorzugen den Wettbewerb im Schreien. Das ist ebenso dreist wie durchsichtig.
Unter dem Deckmantel von TikTok-Slogans betreiben Sie eine gezielte Begriffsumkehr. Sie verwechseln Ursache und Wirkung. Klassisch antisemitische Aussagen deklarieren Sie als „Dekolonialismus“; die Forderung nach Ausladung und Zensur verkaufen Sie als „Diskussionskultur“.
Wir kennen diese Muster. All das ist bereits geschehen: anonyme Flugblätter, die Dämonisierung eines Volkes und haltlose Anschuldigungen. Es gab eine Zeit in dieser Stadt, da begann es mit Plakaten und endete mit Gewalt, Brandstiftung und Pogromen. Wir wissen nur zu gut, wie diese erste Phase aussieht – und wir wissen, wohin sie führt, wenn man ihr nicht rechtzeitig widerspricht.
Wenn Sie einen echten Dialog wünschen, sind wir bereit. Wenn Sie jedoch den Weg der Drohungen und Verleumdungen wählen, wird es keine Grundlage für ein Gespräch geben.
Inessa Myslitska und Rimma Fil
für den Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt
Max Privorozki
für die Jüdische Gemeinde Halle
