In Woche sechs der Aktionswochen der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege geht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Jüdin Maria Schubert lebt seit 1992 in Magdeburg. Sie erzählt, wie es ihr in diesen Tagen ergeht.
In der kurzen Stille im Gespräch mit ihrem Freund hatte Maria Schubert fast Tränen in den Augen. Sie schaute zu ihm und stellte die Frage, die viele Jüdinnen und Juden in diesen Tagen umtreibt: „Müssen wir jetzt gehen?“ Ist jetzt die Zeit, Koffer zu packen und das Land zu verlassen? Wiederholt sich Geschichte?
Die Frage steht im Raum, die unbeantwortet ist, aber an Tiefe gewonnen hat. Wie steht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Sachsen-Anhalt?
Die jüdische Gemeinde hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in Sachsen-Anhalt neu aufgebaut. Mehrere Hundert Menschen jüdischen Glaubens gibt es allein in Magdeburg, Maria Schubert ist eine davon. Sie ist 47, kam 1991 aus Riga nach Deutschland. Mittlerweile hat sie die deutsche Staatsangehörigkeit, kam 1992 nach Magdeburg, hat einen 13-jährigen Sohn, wohnt, lebt und arbeitet in der Elbestadt.
Schubert arbeitet beim jüdischen Landesverband und betreut dort unter anderem die Kinder- und Jugendarbeit. Hier wird sie nur „Mascha“ genannt. „Mascha“ organisiert Freizeitaktivitäten, kürzlich gab es ein einwöchiges Ferienlager mit rund einem Dutzend Teilnehmenden. Mit den Angeboten reicht sie Hände, vermittelt, verbindet und erklärt. So, wie es auch in anderen Religionen üblich ist. Gesellschaftlicher Zusammenhalt durch Religion. Im Judentum steht das weit oben in der Priorität. Natürlich untereinander, aber auch im Kontakt mit Christen. Vom Austausch profitieren Menschen immer. Das bildet und weitet den Horizont. Begegnung baut Barrieren ab.
Und doch hat der 7. Oktober 2023 einiges verändert. Mit dem Angriff der Hamas auf Israel und dem folgenden Krieg im Gazastreifen hat sich die Stimmung in Deutschland teils gewandelt. In Magdeburg tragen Menschen jüdischen Glaubens in der Regel öffentlich keinen Davidstern und keine Kippa. Schon vor dem 7. Oktober nicht und jetzt erst recht nicht. Der Grund? „Angst“, wie Schubert sagt. Und das weiß sie auch von vielen Bekannten. „Es ist schlimmer geworden.“
Während das Klima in Magdeburg gemäßigt ist, ist die Atmosphäre in Berlin anders. „Dort gibt es überall Schmierereien“, erzählt Schubert. Die Botschaft ist klar: „Juden sind hier nicht willkommen.“ Beunruhigung, auch Furcht geht um. „Seit ein paar Jahren besprechen wir in der Gemeinde, wie es weitergehen kann“, meint die 47-Jährige. Sie weiß von einigen Juden, die Deutschland verlassen haben.
Und doch bleibt der Zusammenhalt, bleiben die menschlichen Botschaften: Gerechtigkeit, Nächstenliebe. Das sind Werte, die auch im Judentum wichtig sind. In Jugendzentren, im Schachclub, bei Seniorenreisen, in der Theatergruppe oder im Chor: Jüdisches Leben findet überall statt.
Mascha Schubert möchte nicht alles aufgeben. Ihr Sohn macht in diesem Jahr seine Bar Mitzwa. Darauf freut sie sich schon sehr. Mascha Schubert bleibt. Sie ist Jüdin, sie ist Magdeburgerin, sie ist Mensch.
Pressemitteilung, Podcast und Social Media
In Woche sechs der Aktionswochen der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Sachsen-Anhalt zur Sichtbarkeit sozialer Arbeit geht es um die Frage, wie wir als Menschen zusammenfinden und zusammenbleiben.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen einander begegnen. Gerade beim Thema Antisemitismus ist Begegnung wichtiger denn je.
Im Podcast mit Moderator Frieder Weigmann (Diakonie) sprechen Landesrabbiner Daniel Fabian und Sophie Röppnack (LIGA Sachsen-Anhalt) über Spaltungstendenzen in den Religionen, die sich gerade seit dem Krieg in Gaza verstärkt haben. Und warum es gerade jetzt wichtig ist, für Teilhabe und sozialen Zusammenhalt einzustehen.
Pressemitteilung und Social-Media-Beiträge zeigen, was die LIGA fordert und wofür die Freie Wohlfahrtspflege in Sachsen-Anhalt steht.
Mehr Informationen zu den sechs Aktionswochen der LIGA gibt es auch unter menschlichkeitwählen.de und bei der LIGA Sachsen-Anhalt.
