Geschichte

Der Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt ist die eigenständige und unabhängige Vereinigung der jüdischen Religionsgemeinschaften Sachsen-Anhalts, seine Gründung erfolgte am 9. Oktober 1994. Er ist aus dem Landesverband Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg hervorgegangen, der – gegründet 1990 – sich die Aufgabe gestellt hatte, die jüdischen Religionsgemeinschaften dieser Regionen nach der Wiedervereinigung Deutschlands bei der Gestaltung neuer Gemeindestrukturen zu unterstützen.

Vorgeschichte

Das Territorium des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt entspricht im Wesentlichen dem Areal der früheren preußischen Provinz Sachsen (ohne Regierungsbezirk Erfurt) sowie dem Gebiet des früheren Freistaates Anhalt. Die größten jüdischen Gemeinden gab es in Magdeburg, Halle an der Saale und Dessau. Dann folgten Halberstadt, Bernburg, Aschersleben, Stendal und Salzwedel.

Jüdische Gemeinden in Sachsen-Anhalt
Orte der ehemaligen bzw. heute bestehenden jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt

Jüdische Bevölkerung im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt

Jahr 1905 1925 1933 1938/39
Provinz Sachsen
(ohne Regierungsbezirk Erfurt)
6 129 6 491 5 331 2 060
Herzogtum Anhalt
(ab 1918 Freistaat)
1 460 1 140 901 400
Gesamt 7 589 7 631 6 232 2 460
Magdeburg 1 935 2 356 1 973 726
Halle (Saale) 1 361 1 236 1 086 318
Dessau 481 399 360 146

1933 existierten auf dem Territorium der Provinz Sachsen und des Freistaates Anhalt noch insgesamt 33 israelitische Kultusgemeinden, teilweise vereinten sie Juden aus mehreren kleineren Orten.

In Halle/Saale konnten knapp 600 der ursprünglich rund 1300 jüdischen Bürger bis 1939 auswandern, die meisten nach Shanghai, viele begingen Selbstmord. Die übrigen wurden in Konzentrationslager verschleppt. Am Tag des Einmarsches der Alliierten in Halle/Saale gab es noch 49 Juden in der Stadt, die allein wegen ihrer nichtjüdischen Ehepartner überlebt hatten. Die Mehrzahl von ihnen stammte nicht aus der Saalestadt und hatte dort weder Vergangenheit noch Zukunft.

Von den 2300 jüdischen Magdeburgern, die vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Magdeburg wohnten, wurden 1521 ermordet oder starben an den Folgen der Shoah. Nur 119 überlebten die Deportationen und Vernichtungslager.

In Dessau lebten im Jahr 1939 infolge der antisemitischen Hetzkampagne der Nationalsozialisten, Diskriminierungen und Verfolgungen nur noch 121 jüdischen Bürger in der Stadt. Wer es ermöglichen konnte, emigrierte. Die Mehrzahl der Dessauer Juden wurde deportiert. Nur 11 Frauen und ein Mann überlebten den Nationalsozialismus.

Ähnlich traurig verliefen die Schicksale vieler Juden in den übrigen Städten des heutigen Sachsen-Anhalt.

Die Entwicklung nach 1945

Unmittelbar nach Kriegsende wurde die jüdische Bevölkerung der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) auf etwa 3500 Personen geschätzt, was etwa drei Prozent der 1933 in den Statistiken des Deutschen Reiches erfassten jüdischen Bevölkerung dieser Gebiete entsprach. Der Volkszählung vom 29. Oktober 1946 zufolge lebten ein Jahr später in der SBZ etwa 4500 Juden, davon 435 in Sachsen-Anhalt.

Bei den Angaben ist zu beachten, dass die zahlenmäßige Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Ostdeutschlands während der ersten Nachkriegsjahre nicht exakt nachweisbar ist. Zeitweilig kamen Juden aus Osteuropa ins Land, die zum Teil in die westlichen Besatzungszonen weiterzogen bzw. in andere europäische Staaten, nach Palästina oder Übersee auswanderten. Die offiziellen Zahlen lassen zudem nichtreligiöse Shoah-Überlebende außerhalb der jüdischen Gemeinden unberücksichtigt.

Von den mehr als dreißig jüdischen Gemeinden, die es vor 1933 in Sachsen-Anhalt gegeben hatte, wurden zunächst nur zwei wiedergegründet: die Jüdische Gemeinde zu Halle (Saale) und die Jüdische Gemeinde zu Magdeburg (beide im Jahr 1947). In Halberstadt erfuhr die 800-jährige Geschichte dagegen nach dem Krieg keine dauerhafte Fortsetzung, obgleich hier 1945 von etwa 150 Juden aus verschiedenen Herkunftsländern, die aus den Konzentrationslagern entlassen waren, am 3. August 1945 kurzfristig eine Gemeinde neu ins Leben gerufen worden war. Doch bald darauf kehrten die ehemaligen Häftlinge in ihre Heimat zurück, sodass die Gemeinde wahrscheinlich noch in ihrem Gründungsjahr wieder aufgelöst wurde.

Am 5. Oktober 1947 wurde in Magdeburg der Landesverband Jüdischer Gemeinden im neu gebildeten Land Sachsen-Anhalt mit Sitz in Halle (Saale), Goethestraße 29, gegründet. Die Leitung übernahm der Vorsitzende der ebenfalls 1947 neu gegründeten Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale), Hermann Baden, sein Stellvertreter war Horst Karliner aus Magdeburg. Die weiteren Vorstandsmitglieder waren Landgerichtsdirektor Dr. Otto Bieber und der Kaufmann Leon Zamjre aus Halle (Saale) und Fabrikdirektor und Stadtrat Walter Gradnauer aus Ammendorf. Ein Jahr später wurden dem Landesverband die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zuerkannt. Zu dieser Zeit existierten im damaligen Land Sachsen-Anhalt neun, zum Teil noch sehr kleine, jüdische Gemeinden.

Am 9. Juli 1952 erfolgte eine Neugründung als Verband der Jüdischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik, dem sich alle jüdischen Gemeinden der ehemaligen DDR (Brandenburg/Havel, Chemnitz, Dresden, Halle a.d. Saale, Leipzig, Magdeburg, Schwerin und Thüringen) mit Ausnahme der Gemeinde in Ost-Berlin anschlossen. Durch die Wahl von Hermann Baden zum Vorsitzenden war Halle (Saale) zugleich Sitz des Verbandes geworden. Die Verbandsgründung bedeutete allerdings eine Einengung der theoretisch zugestandenen Gemeindeautonomie.

Entsprechend den neuen politischen Gegebenheiten nahmen die jüdischen Gemeinden in West und Ost unterschiedliche Entwicklungen. Während sich in der Bundesrepublik allmählich wieder solide Strukturen entwickelten, blieb die jüdische Gemeinschaft in der DDR klein und unter kritischer Beobachtung durch den Staat – so auch auf dem Territorium des heutigen Landes Sachsen-Anhalt.

Von 1953 bis zum 30. September 1990 erschien vierteljährlich das Nachrichtenblatt der Jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin und des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik. Es enthielt u.a. Beiträge zur jüdischen Geschichte, informierte über die Tätigkeit des Verbandes und seiner acht Gemeinden und gab Termine der G-ttesdienste bekannt. Dies war jedoch ein staatlich kontrolliertes Verlautbarungsorgan und spiegelte kaum die Realität wider, bis auf ein paar Öffnungszeiten von Gemeindebibliotheken oder der einzigen koscheren Metzgerei.

Nachrichtenblatt der Jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin und des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR Nachrichtenblatt der Jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin und des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR Nachrichtenblatt der Jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin und des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR

Die Präsidentschaft und der Sitz des Verbandes gingen nach dem Tod Hermann Badens durch die Wahl des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, Helmut Aris, im Jahr 1962 nach Dresden.

Rückblick auf das Jahr 1988

Im Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR waren die Jüdischen Gemeinden Berlin, Dresden, Halle (Saale) und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig, die Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg, die Jüdische Landesgemeinde Thüringen mit Sitz in Erfurt sowie die Jüdische Landesgemeinde Mecklenburg mit Sitz in Schwerin zusammengeschlossen. Der Verband hatte seinen Sitz in Dresden, Präsident war Siegmund Rotstein (Chemnitz), Vizepräsidenten waren Dr. Peter Kirchner (Berlin) und Hans-Joachim Levy (Magdeburg).

Die jüdischen Gemeinden unterhielten eigene kleine Bibliotheken mit jüdischer Belletristik, wissenschaftlicher und Sachliteratur. Besonders zu erwähnen ist dabei die öffentliche Bibliothek der Berliner Jüdischen Gemeinde mit rund 5000 Bänden. Vierteljährlich erschien das Nachrichtenblatt des Verbandes. Alljährlich führte der Verband an der Ostsee ein Kinderferienlager durch. Die Jüdische Gemeinde Berlin unterhielt ein Altersheim. Außerdem besaß sie eine koschere Fleischerei. Alle 14 Tage sendete der „Berliner Rundfunk“ eine jüdische Schabbatfeier.

Anlässlich des 50. Jahrestages der Pogromnacht vom 9. November 1938 fanden das ganze Jahr 1988 über Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer der Pogromnacht mit Gästen aus 17 Ländern statt. Unter anderem wurde der Öffentlichkeit am 3. November 1988 der rekonstruierte Museumskomplex Synagoge Gröbzig übergeben, bestehend aus der ehemaligen Synagoge, einem Gemeindehaus, der jüdischen Schule und dem jüdischen Friedhof sowie einer ständigen Ausstellung. Am 10. November 1988 erfolgte die symbolische Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der in der Pogromnacht geschändeten und im Zweiten Weltkrieg zerstörten Neuen Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße. Des Weiteren wurden verschiedene Gedenkstätten eingeweiht. So wurde z.B. am 29. Mai 1988 der Grundstein für ein Mahnmal an der Stelle der zerstörten Synagoge von Dessau gelegt, am 7. November 1988 die Gedenktafel am Eingangstor der ehemaligen Synagoge auf dem Großen Berlin in Halle (Saale) enthüllt und am 10. November 1988 das Mahnmals zur Erinnerung an die 1938 zerstörte Synagoge im Magdeburger Stadtzentrum eingeweiht.

Der Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR gab in diesem Zusammenhang eine eigene Gedenkschrift heraus (siehe Inhaltsverzeichnis):

Damit die Nacht nicht wiederkehre

Damit die Nacht nicht wiederkehre: Gedenken an die faschistische Pogromnacht vom 9. November 1938. Eine Dokumentation herausgegeben vom Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR
Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR (Hrsg.)
(Dresden: Verlag Zeit im Bild, 1988)

 

Der Verband der Jüdischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik bestand bis zur Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990. Er umfasste im Herbst 1990 lediglich 372 Mitglieder.

Mit der Wiedervereinigung vollzog sich eine grundlegende Wende. Die jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt und ihre Landesvertretung sprechen von einer politischen Kultur im Land, die erstmals Bedingungen schafft, jüdisches Leben umfassend zu gestalten und zu verwirklichen, und das unterstützt vom Land. Das dokumentiert sich in dem am 23. März 1994 (Gesetz vom 5. Juli 1994) zwischen dem Land Sachsen-Anhalt und der Jüdischen Gemeinschaft in Sachsen-Anhalt geschlossenen und am 20. März 2006 erneuerten Staatsvertrag. Die Verabschiedung des Gesetzes zum Vertrag erfolgte am 4. August 2006.

Einladung Unterzeichnung des Staatsvertrages

Juden waren einst nach Deutschland gekommen – unter anderem in die Region des heutigen Landes Sachsen-Anhalt – mit allen Erkenntnissen und Erfahrungen ihrer langen Geschichte und mit der Sehnsucht, hier ein Zuhause zu finden. Es dauerte lange, bis dieses Land sie annahm, bis aus Juden, die in Deutschland lebten, deutsche Juden wurden.

 


Eigene Publikationen

300 Jahre Juden in Halle

300 Jahre Juden in Halle: Leben, Leistung, Leiden, Lohn
Jüdische Gemeinde zu Halle (Hrsg.)
(Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1992)


Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt: Versuch einer Erinnerung
Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt (Hrsg.)
(Wernigerode: Oemler Verlag, 1997)