Aufruf der jüdischen Gemeinschaft von Sachsen-Anhalt

Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2016

Die jüdische Gemeinschaft Sachsen-Anhalts ist ein Bestandteil der vielfältigen Gesellschaft unseres Bundeslandes. Wir sehen, dass immer mehr Menschen einen Schutzstatus in Deutschland erhalten und auch länger in Sachsen-Anhalt leben werden. Viele der Flüchtlinge fliehen u.a. vor der Gewalt seitens des syrischen Machthabers Baschar al-Assad oder vor der Terrormiliz „Islamischer Staat“ und wollen in Frieden und Freiheit leben. Nach allen Pogromen, Verfolgungen, Enteignungen und diversen Diskriminierungen im Verlauf unserer eigenen Geschichte können wir, die jüdische Bevölkerung, gegenüber diesem Leid der syrischen Kriegsopfer nicht gleichgültig bleiben.

Gleichzeitig aber entstammen die Zuwanderer Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind. Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern zu uns, in denen Israel zum natürlichen Feindbild gehört. Dies verursacht bei der jüdischen Bevölkerung Unsicherheit und Angst vor einer Judenfeindlichkeit mit islamistischem Hintergrund.

Zu einer nachhaltigen Integration der neuen Bürger gehören nicht nur das Erlernen der deutschen Sprache und der Zugang zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt, sondern auch das Verständnis und die Akzeptanz des Miteinanders der verschiedenen Religionen und Kulturen. Deutschland soll als ein Land der Demokratie wahrgenommen werden, zu dessen Werten auch die Solidarität mit Israel und die Verantwortung für die Schoa gehören. Der Nahostkonflikt, Antisemitismus und eine antiisraelische Haltung dürfen nicht auf die deutschen Straßen und die deutsche Gesellschaft übertragen werden. Es muss klar sein, dass Antisemitismus in Sachsen-Anhalt nicht hinnehmbar ist, egal welchen Hintergrund er hat, egal, woher er kommt.

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Terror in Israel

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Hag Hanukka Sameach!!!

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Möge in allen Häusern das friedliche Licht leuchten!

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Demonstration „Gemeinsam gegen Terror & Krieg. Für Frieden, Mitmenschlichkeit und Solidarität“ in Magdeburg am 20.11.2015

12249698_491000327743787_3447243074379195336_n Mit einer E-Mail im Auftrag der Landesregierung vom 19.11.2015 wurden wir zu einer friedlichen Demonstration eingeladen, um an die Opfer der Terroranschläge zu gedenken und Solidarität mit den Hinterbliebenen zu bekunden. Der Organisator des Andenkens ist die Islamische Gemeinde Magdeburg e.V.

Zu diesem Aufruf möchten wir wie folgt Stellung nehmen:

Terroranschläge sind feige und unmenschliche Angriffe auf zivile und unbewaffnete Menschen. Sie sind vom bestialischen Hass oder vom ungeheuren religiösen Fanatismus geleitet.

Opfer dieses Terrors – egal ob in Paris, Ankara oder anderswo – sind unschuldige Menschen, deren Leben im Namen einer brutalen Ideologie ausgelöscht wurden. Diese Opfer darf man auf keinen Fall in zwei Kategorien teilen: Opfer, an die gedacht wird, und Opfer, die vom Gedenken ausgeschlossen werden.

Im Logo des Aufrufs findet sich eine explizite Benennung bestimmter Orte vergangener Terrorattacken – Ankara, Paris, Irak, Syrien und Beirut. Dies zeugt für uns von einer großen Ignoranz gegenüber anderen Opfern, wie z.B. in Israel oder Kenia und ist so für uns nicht akzeptabel.

Diejenigen Menschen, die während einer Demonstration in Ankara in der Türkei, beim einem Konzertbesuch in Paris in Frankreich, bei einer Museumsbesichtigung in Brüssel in Belgien, während einer Fahrt nach Hause in Jerusalem in Israel, auf einem Universitätscampus in Garissa in Kenia oder an einem beliebigen anderen Ort ermordet wurden, sind alle gleichermaßen unschuldige Opfer eines Krieges gegen die Menschlichkeit.

Dass eingetragene Vereine – in diesem Fall die Islamische Gemeinde Magdeburg e.V. – Demonstrationen und Solidaritätskundgebungen organisieren, gehört zu den schützenswerten Grundrechten unserer pluralistischen Gesellschaft. Mit der Unterstützung und insbesondere durch die Einladung zu dieser Kundgebung seitens der Landesregierung, erhält diese Veranstaltung eine ganz andere Qualität.

Wir schließen uns der Aussage des britischen Premierministers Cameron an, der treffend formulierte: „… derjenige, der die Gewalt in London ablehnt aber die Selbstmordattentäter in Israel rechtfertigt, ist selber ein Teil dieses Problems“.

Wir hoffen, dass in den Redebeiträgen im Rahmen der stattfindenden Kundgebung und bei künftigen Veranstaltungen dieser Art die israelischen und alle anderen Terroropfer gleichermaßen mit bedacht und ausdrücklich benannt werden.

 

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Ansprache von Max Privorozki am 9. November 2015

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Quelle: HalleSpektrum.de

Das Schiff verließ den Hafen an einem sonnigen Tag. An Bord befanden sich 937 Flüchtlinge. Alle Passagiere besaßen keine regulären Visa und mussten überdurchschnittlich für die Fahrt bezahlen.

Unter den Passagieren waren auch 12 Mitglieder einer Großfamilie. Es waren 11 Verwandte des Familienhaupts – seine Mutter und seine Schwester, seine Großeltern väterlicherseits, seine Großeltern mütterlicherseits, seine Tante, seine Cousine und sein Cousin sowie sein Großonkel mit dessen Ehefrau.

Am 27. Mai ging das Schiff im Hafen vor Anker. Die Flüchtlinge zählten die Stunden, bis sie endlich in Sicherheit sein würden. Doch die Regierung des Gastlandes entschied, dass alle Personen, die kein gültiges Visum haben, an Bord bleiben und die Gewässer des Staates unverzüglich verlassen müssen. Zur Begründung hat man die illegale Einreise angegeben.

Das Schiff kreuzte zu einem anderen Hafen im Nachbarland. Dort waren die Menschen wieder nicht gewünscht: Die Regierung war nicht bereit das bewilligte Einwandererkontingent zu erweitern, aus Angst, dass einerseits die einheimische Bevölkerung dies nicht akzeptieren würde und dass andererseits aufgrund dieses Falls weitere Flüchtlingsströme ins Land kommen würden. Im April dieses Jahres – also nur einen Monat zuvor – veröffentlichte die im Land bekannte Zeitschrift eine Umfrage, die besagte, dass 83 % der Bürger gegen die Lockerung von Einwanderungsbeschränkungen seien.

Das Schiff musste andere Fluchtziele suchen und nach langen Verhandlungen wurden die Passagiere doch von vier Ländern – Großbritannien, Frankreich, Belgien und die Niederlande – anteilig empfangen.

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Sie haben wahrscheinlich bereits erkannt, um welches Schiff und welche Flüchtlinge es ging: Das Schiff hieß „St. Louis“. Es sollte 937 nach dem Novemberpogromm 1938 aus Nazi-Deutschland geflüchtete Juden in Sicherheit nach Amerika bringen. Von diesen 937 Passagieren wurden später 254 in Ausschwitz, Sobibor und anderen KZ ermordet, nachdem Frankreich, Belgien und die Niederlande ebenfalls von den Nazis besetzt wurden. So auch der größte Teil der genannten Familie.

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Wenn ein Mensch von Krieg und Gewalt, Rassismus und religiösem Hass bedroht wird, versucht er das Leben seiner Familie zu retten. Meistens gibt es in solchen Situationen nur noch eine Möglichkeit zu überleben: die Flucht. Die Flucht zu jedem Preis, egal wie und egal wohin. Nur um das Leben zu retten. Diese Entscheidung, das Heimatland, die gewöhnliche Umgebung zu verlassen und mit den Kindern in eine unbekannte und fremde Welt zu fliehen, ist eine schwere Entscheidung. Es ist kein Spaß, mit Schleppern zu verhandeln, mit ungewissem Ergebnis das Meer zu überqueren und später in einem fernen Land als ungewünschter Gast empfangen zu werden. Und wenn Menschen es trotzdem tun, gibt es für sie keine andere Wahl.

Die Welt ist seit 1939 humaner geworden: Heute gibt es im zivilisierten Westen keine 83 % Stimmen gegen die Aufnahme von vor Krieg und Gewalt geflüchteten Menschen. Keine 83 %, aber trotzdem sehr viele. Zu viele… Sehr viele Bürger haben kein Vertrauen. Nicht alle, die kein Vertrauen haben, sind automatisch fremdenfeindlich. Sie haben Angst. Angst, dass Arbeitsplätze wegfallen. Angst, dass die hierzulande herrschende demokratische Rechtsordnung und die hiesigen Werte von den Geflüchteten nicht angenommen oder sogar missbraucht werden. Angst, dass das Sozialsystem mit dem aufkommenden Druck überfordert wird. Ja, es gibt auch eine fremdenfeindliche Minderheit, die diese natürlichen menschlichen Ängste künstlich schürt und damit rechtspopulistische und extremistische Propaganda verbreitet. Die ewig Gestrigen – egal ob Rechts- oder Linksextremisten – machen aus diesen Ängsten politisches Kapital. Dieses Kapital kann bei der nächsten Landeswahl zu unangenehmen Ergebnissen führen. Wir hatten bereits einmal solche Wahlen im Jahr 1933…

Die Aufgabe, die schwierigen Fragen zu beantworten und diese unangenehmen Konsequenzen vorzubeugen, obliegt der Politik. An alle – ohne Ausnahme – Parteien, die heute im Landtag vertreten sind. Wenn die eine oder andere Partei denkt, dass sie diese Situation für die Schwächung seiner politischen Gegner nutzen kann und damit ein politisches Süppchen kocht, riskiert sie, dass dieses Süppchen später stinken wird!

Dabei gab es immer und gibt es auch jetzt einfache Menschen, die außerhalb der Politik für gute Taten sorgen. Wie in einem kleinen Dorf in Frankreich, Chambon-sur-Lignon, wo alle Einwohner unter Führung des Dorfpfarrers André Trocmé die Juden von der Verschleppung in die KZ versteckt haben. In der Gegend von Chambon-sur-Lignon wurden 3000 bis 5000 Juden durch das Engagement ihrer Bewohner vor dem sicheren Tod in den Lagern gerettet. Es war mehr als die Einwohnerzahl dieses Dorfes!

Die Hoffnung auf solche Menschen ist für uns die Quelle des Optimismus. Wir Juden waren immer Optimisten. Historisch gesehen gab es für uns keine andere Möglichkeit zu überleben. Als die Nazis an die Macht kamen und schrittweise neue antijüdische Gesetze und Handlungen einführten, sagten wir „Das kann man doch noch vertragen“. Bis es für 6 Millionen zu spät war.

Wir bleiben auch jetzt – trotz allem – Optimisten. Trotz der schon zur Normalität gewordenen anti-israelischen Hetze, die ganz offensichtlich Antisemitismus pur ist – sowohl vor dem Bundeskanzleramt oder dem Kölner Dom als auch auf dem Marktplatz hier in Halle.

„Kauft nicht bei Juden!“, forderte im Jahre 1921 der evangelische Pfarrer Friedrich Wilhelm Auer aus der bayerischen Landeskirche. „Kauft nicht bei Juden!“, schrieb das überregionale evangelische Wochenblatt Licht und Leben im Jahr 1927. Man wundert sich daher nicht, dass auch „Der Stürmer“ nach 1933 das gleiche schrieb und dass am 1. April 1933 der Boykott jüdischer Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien eingeführt wurde.

Auch jetzt in der Gegenwart hören wir dieselbe Forderung, diesmal in der Form „Kauft nicht vom jüdischen Staat!“ Von der katholischen PAX Christi bis zum deutschen BDS-Ableger. Wenn jemand meint, dass die Aufrufe in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts und heutige Aufrufe sich unterscheiden, der irrt sich: Beide haben den gleichen Kern: Judenhass.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière warnt vor pauschalierten Urteilen über Flüchtlinge, die Deutschland derzeit aufnimmt: „Viele der Menschen, die jetzt zu uns kommen, sind vor barbarischen Terroristen geflohen und suchen ein friedliches, ein besseres Leben bei uns in Europa“, sagt de Maizière. „Allerdings sei Antisemitismus und Israelhass in Deutschland nicht mehr nur im rechtsextremistischen Lager zu finden. In Deutschland gebe es ‚rote Linien‘, die für ein gutes Zusammenleben nicht überschritten werden dürfen“, sagt der Bundesinnenminister weiter. „Jeder, der zu uns kommt, muss wissen, in welches Land er kommt: ein Land, das den Juden und dem Staat Israel in ganz besonderer Weise verbunden ist, ein Land, in dem es aus gutem Grund Teil der Staatsräson ist, das Judentum zu schützen und seine freie Entfaltung zu fördern – ein Land, in dem nie wieder Juden in Angst vor Verfolgung leben sollen. Dies werde sich auch nicht ändern“, so de Maizière. „Wer dies nicht so sieht, ist hier fehl am Platze. Dies zu vermitteln, ist eine unserer dringendsten Aufgaben.“

Viele Juden in Deutschland befürchten durch die starke Zuwanderung von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten eine Erstarkung des Antisemitismus in der Gesellschaft. In vielen der Herkunftsländer, wie Syrien oder dem Irak, gehören die Vernichtung Israels und der Hass auf Juden seit Jahrzehnten zur Staatsdoktrin und werden in dem Ausbildungssystem propagiert. Diese Sorge wird von der Politik nicht immer ernstgenommen.

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Wir bleiben jedenfalls Optimisten und möchten daran glauben, dass die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, in Sachsen-Anhalt und speziell hier in Halle gesichert bleibt und dass die schrecklichen Tage vor 77 Jahren endgültig der Vergangenheit angehören.

Dafür sollte der demokratische Rechtstaat Bundesrepublik Deutschland weiterhin das Kernland der Europäischen Union bleiben. G-tt behüte ihn von allen Alternativen – weder rechtsradikalen noch religiös-fanatischen!

 

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Jüdischer Kalender

Heute ist der: 21. Siwan 5776