Am 17. Oktober 2019 haben sich nach den schrecklichen Ereignissen des 9. Oktober 2019 in Halle (Saale) Wadim Laiter, Vorsitzender der Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg K.d.ö.R., Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale) K.d.ö.R., Dr. Alexander Wassermann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Dessau K.d.ö.R, und der Minister für Inneres und Sport, Holger Stahlknecht, zu einem ersten sicherheitspolitischen Gespräch getroffen. Dieses verlief in guter und vertrauensvoller Atmosphäre. Diesem Auftaktgespräch sollen zeitnah weitere Gespräche folgen.

Die aktuellen polizeilichen Schutzmaßnahmen wurden vorgestellt und erörtert. Sie werden bis auf Weiteres aufrechterhalten. Ergänzend dazu führt das Landeskriminalamt gegenwärtig sicherheitstechnische Beratungen mit den jüdischen Gemeinden durch.

Es wurden folgende weitere Schritte vereinbart:

  1. Die Beteiligten werden in Gespräche über den Abschluss einer ergänzenden Vereinbarung zum „Vertrag des Landes Sachsen-Anhalt mit der jüdischen Gemeinschaft in Sachsen-Anhalt vom 20. März 2006“ (Staatsvertrag) über bauliche Sicherheitsmaßnahmen an Synagogen und deren Finanzierung eintreten. Die Möglichkeit, eine besondere Vereinbarung zum Staatsvertrag abzuschließen, eröffnet das Schlussprotokoll zu Artikel 3 des Staatsvertrages.

  2. Die Beteiligten werden in weiteren sicherheitspolitischen Gesprächen die von der Landespolizei zu erstellende allgemeine Gefährdungsbeurteilung und eine von der Landespolizei Sachsen-Anhalt zu erstellende „Konzeption zum Schutz des jüdischen Lebens in Sachsen-Anhalt“ unter Einbeziehung des Sicherheitsbeauftragten des Zentralrats der Juden gemeinsam erörtern.

  3. Die Polizeiinspektionen Dessau-Roßlau, Halle und Magdeburg werden die vom Landeskriminalamt zu erstellenden konkreten Gefährdungsbeurteilungen für die einzelnen bereits bestehenden oder in Planung befindlichen Synagogen mit den jüdischen Gemeinden erörtern.

 

25 Jahre Landesverband

Vor genau 25 Jahren, am 9. Oktober 1994, wurde der Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt als unabhängige Vereinigung der jüdischen Religionsgemeinschaften Sachsen-Anhalts gegründet.

 

Wir feiern jedes Jahr das Fest unserer Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens und des Entstehens des jüdischen Volkes und benennen dabei die zahlreichen Wunder, die der Allmächtige zu damaliger Zeit nicht nur für unsere Freiheit, sondern auch für das Erstarken unseres Glaubens verrichtet hat. Dabei ist es immens wichtig zu verstehen, dass die Befreiung nicht abgeschlossen ist; in jeder Generation setzt sie sich fort bzw. wird, nicht immer problemlos, neu erlebt.

In den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts fand ein weiterer Exodus statt: der aus der sowjetischen Sklaverei. Sehr viele heute in der Bundesrepublik lebenden Juden waren als Kinder und junge Menschen Zeugen dieser Ereignisse. Wenn auch anders als zu Mosches Zeiten, war es dennoch eine Befreiung, nicht nur im Sinne eines Wohnort- oder Staatssystemwechsels. Viele ehemalige sowjetische – oder wie hier fälschlicherweise öfters zu hören „russische“ – Juden, die heute in Israel, den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Deutschland leben, fanden den Weg zurück zur jüdischen Religion, Tradition und Kultur.

Die Veränderungen in der heutigen Welt, und insbesondere das Anwachsen des Antisemitismus in Deutschland und fast überall in Europa, stellen uns vor neue Herausforderungen. Beim Begegnen dieser Bedrohungen und Lösen der damit verbundenen Probleme ist es unentbehrlich, die Erfahrungen und Lehren der vorigen Generationen gut zu kennen und stets zu berücksichtigen.

Gerade deshalb haben wir vor paar Tagen alle zusammen erst den Chametz verbrannt oder verkauft, Gerichte kascher le-Pessach zubereitet und werden heute Abend die Haggada lesen, die zehn Plagen benennen und über die vier Fragenden diskutieren und selbstverständlich Matzen essen.

Ihr Max Privorozki
(aus der Begrüßung in der April-Ausgabe des BTJ-Gemeindemagazins)

Der Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt und die gesamte jüdische Gemeinschaft trauern um Benjamin Bloch sel. A., den langjährigen Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, der am Samstagnachmittag, den 6. April 2019 (1. Nissan 5779), nach langer und schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren verstarb.

Der in Jerusalem geborene Beni Bloch kam als 14‐Jähriger mit seinen Eltern nach Deutschland. Er war seit 1974 für die ZWST tätig. Nach 13 Jahren als Jugendreferent wurde Bloch 1987 Direktor des jüdischen Wohlfahrtsverbandes. In dieser Funktion führte er den Verband über 30 Jahre bis Juni 2018.

Zu seinem Tod erklärt der Präsident der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer: „Die Nachricht vom Tode Beni Blochs erfüllt uns mit tiefer Trauer. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und die jüdische Gemeinschaft in Deutschland verlieren mit Beni Bloch nicht nur eine herausragende Führungspersönlichkeit, sondern ein Vorbild mit sozialem Gewissen und jüdischer Seele.

Beni Bloch hat sein Leben der jüdischen Gemeinschaft verschrieben. In den 30 Jahren als Direktor der ZWST leistete er Unglaubliches für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland. Unter seiner Leitung hat die ZWST die Integration zehntausender jüdischer Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion bewältigt, langjährige Partnerschaften zu israelischen Organisationen etabliert, jüdische Strukturen in den neuen Bundesländern gestärkt und eine flächendeckende Verbesserung von Angeboten für jüdische Menschen mit Behinderung aufgebaut.

Ein Meilenstein seines Einsatzes für Senioren stellte die Eröffnung des Kurheim Eden-Park in Bad Kissingen dar, in dem bis heute jährlich über 1.000 jüdische ältere Menschen Erholung und Bildung erfahren.

Die jüdische Jugendarbeit war ihm ein besonderes Herzensanliegen. Generationen von jungen Menschen sind von ihm geprägt worden. Die Leitlinien dieser Arbeit tragen bis heute seine Handschrift. Er hat die Jugendarbeit zu dem gemacht, was sie heute ist: Ein Entstehungsort für persönliche Erfolgsgeschichten, Familien, ein Netzwerk, eine Gemeinschaft! Er hinterlässt uns ein großes Vermächtnis und einen wichtigen Auftrag: Weiterhin da zu sein für diejenigen in unserer Gemeinschaft, die unsere besondere Unterstützung brauchen.

Wir werden Beni Bloch schmerzlich vermissen. Unser Verband, die jüdischen Gemeinden in Deutschland und alle ihre Mitglieder haben ihm viel zu verdanken. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau Mirijam und seinen Angehörigen. Die ZWST wird ihrem Beni Bloch stets ein ehrendes Andenken bewahren und ihre Arbeit in seinem Sinne fortsetzen.“

Die Beisetzung findet am Dienstag, den 9. April 2019 auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt am Main statt.

 

Lieber Herr Privorozki, welche Rolle spielt das Thema Antisemitismus aus Ihrer Sicht im europäischen Wahlkampf?

Bei den Europa- und Kommunalwahlen in Sachsen-Anhalt am 26. Mai 2019 sind nur manche Migrant*innen wahlberechtigt, aber alle sind von den Wahlergebnissen betroffen. Auf Grund der aktuell zahlreichen Berichte über wachsenden Antisemitismus haben wir Herrn Max Privorozki drei Fragen zum Thema gestellt. Er ist nicht nur Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale), sondern auch Vorstandsmitglied des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, von denen einige Mitglied des LAMSA sind.

Ich erwarte in keiner Weise, dass das Erstarken des Antisemitismus in mehreren europäischen Ländern eine wichtige Rolle im Wahlkampf spielen wird. Ohne Zweifel werden die Kandidaten betonen, dass dieses Übel unerträglich sei und die Gesellschaft etwas unternehmen müsse. Ein Konzept für eine greifbare Lösung hat dagegen keine politische Kraft und wird daher auch nicht präsentiert werden. Die Rechten werden den Antisemitismus bei den Linken und die Linken bei den Rechten anprangern. Niemand wird jedoch auf die Idee kommen, dieses Problem in den eigenen Reihen anzupacken. Dabei entwickelt sich der Antisemitismus derzeit in allen Schichten und in allen gesellschaftlichen Strukturen weiter.

Wie nehmen Sie antisemitische Anfeindungen und Straftaten in Sachsen-Anhalt wahr?

Man kann sagen, dass die Qualität anders geworden ist: Sich offen als Antisemit zu zeigen, ist nicht mehr peinlich. Zunächst ist es aber wichtig zu betonen, dass die Wahrnehmung antisemitischer Anfeindungen gegenüber Juden in unserem Bundesland nicht getrennt von der gesamten Situation betrachtet werden kann. Die Medien und das Internet kennen weder Landes- noch andere Grenzen. Demzufolge reagieren wir auf bestimmte Ereignisse genauso wie Juden aus Berlin, Bayern, Hessen oder Spanien, Ungarn oder der Ukraine.

Israel wird, nicht nur in Deutschland, oft dämonisiert, verurteilt und mit doppelten Standards gemessen. Die Kritik des Staates Israel wird zum Alibi. Als beispielsweise Israel im Jahr 2018 von den Vereinten Nationen 21 Mal, alle anderen Staaten, einschließlich Iran, Syrien und Nordkorea, hingegen „nur“ 6 Mal verurteilt wurden, hatte die Bundesrepublik in 16 Fällen dieser 21 Verurteilungen gegen Israel gestimmt und ihre Stimme in den restlichen 5 Fällen enthalten.

Welche Hoffnungen und Befürchtungen verbinden Sie mit der Europawahl, möglichen Ergebnissen und Entwicklungen nach der Wahl?

Konkret wünschen wir uns ein durchdachtes Konzept zur Bekämpfung von antisemitischen Tendenzen, insbesondere auch bei Zugewanderten aus Ländern mit einer aggressiven antijüdischen Staatspolitik, wie Syrien oder Afghanistan.

Und grundsätzlich das Bewusstsein dafür, dass die jüdische Gemeinschaft ein Bestandteil der Gesamtgesellschaft ist, und demzufolge auch ein Bewusstsein, dass der Antisemitismus auf keinen Fall nur das Problem der jüdischen Gemeinschaft, sondern der Allgemeinheit ist und bleibt.

Wir hoffen in jedem Fall – und das hat nichts mit der Entwicklung antisemitischer Tendenzen zu tun – dass die Kräfte, die für ein starkes Europa als Vereinigung unabhängiger und souveräner Demokratiestaaten stehen, die solche Werte wie Toleranz, Freiheit und Gerechtigkeit nicht nur auf dem Papier schätzen, die Mehrheit im EU-Parlament stellen werden. Optimismus gehört zur Natur des jüdischen Volkes. Denn ohne Optimismus können alle Pogrome, und insbesondere die Schoa, nicht überstanden werden. Wir bleiben optimistisch und hoffen, dass kein weiteres Land nach Großbritannien die EU verlassen wird, sondern dass neue Länder, wie Serbien, Montenegro und die Ukraine, aufgenommen werden.

Vielen Dank für das Interview